Nostalgisches

Eine Notiz einer Facebookfreundin hat mich drauf aufmerksam gemacht: Ich bewege mich mittlerweile seit 20 Jahren im Internet. Vor 19 Jahren wurde ich Mitglied einer ersten virtuellen Community, einer Art Prä-Facebook. Schon damals wurde ständig über rüde Umgangstöne geklagt, doch da es noch nicht jeder Hirnamputierte ins Netz schaffte, waren die Angriffe vergleichsweise harmlos – die meinen ganz gewiß. Trotzdem warf man mir eines Tages vor, ich hätte gegen die Netiquette verstoßen und möge es unterlassen, „als Satire getarnt“ andere zu beleidigen. Als Anhang bekam ich gleich noch ein Exemplar des Netzknigges. Daraus stellte ich den folgenden Absatz zur Diskussion:

„Vorsicht mit Humor und Sarkasmus

Ohne Körpersprache und den Klang der Stimme, die ein persönliches Gespräch beherrschen, passiert es leicht, daß Bemerkungen, die eigentlich witzig gemeint waren, falsch verstanden werden. Unterschwelliger Humor geht dabei schnell verloren. Machen Sie Ihren Lesern klar, daß das Gesagte als Witz zu verstehen ist. Im Internet gibt es dafür kleine Symbole, genannt Smiley-Face oder Emoticon (von emotion = Gefühl, Icon = Symbol) die so oder so ähnlich aussehen: :-) Man schreibt es gewöhnlich nach Stellen einer Nachricht, die nicht ganz ernst gemeint waren. Dabei macht es nichts, wie breit oder flach der gemachte Witz war, es ist immer sicherer die Leser daran zu erinnern, daß das eben Gesagte nur ein Witz war.“

Ehrlich gesagt, fand ich es bislang gar nicht so schlimm, mich „als Satire zu tarnen“. Schließlich haben das schon viele Autoren getan, zu denen ich aufsah. Aber mit der Verehrung ist es jetzt vorbei: je größer ein Satiriker, desto größer sein Vergehen, das sehe ich jetzt ein. Ich habe es überprüft: Mark Twains Gesamtwerk enthält nicht einen einzigen Smiley – ist das zu fassen?! Tucholsky – auch einer von denen, die den Leser niemals iconmäßig darüber aufgeklärt haben, daß alles „nur ein Witz war“. Nicht mal Kishon, der immer so volkstümlich tut, hat jemals seine Gags mit Symbolen markiert, der subversive Hund. Die Geschichte der Satire ist eine Geschichte der Mißverständnisse – in Deutschland zumal: vom Kladderadatsch über den Simplicissimus bis zur Titanic bieten sich dem Auge ausschließlich smileylose Texte. Hier, Leute, stehen wir echten Herausforderungen gegenüber! Gehen wir daran, dem Übel abzuhelfen, versehen wir all die getarnten Witzeleien endlich mit Smileys! Mal sehen, womit ich anfange … wo ist es denn am dringendsten … na, vielleicht hier – oh ja! Kafkas „Schloß“. Das hats bitter nötig. :-)

Angesichts der politisch korrekten Kinderbuchsäuberungen, die wir gerade erlebt haben, ist der Gedanke gar nicht mehr so abwegig.

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