Nachrufe

Ich habe mir mal vorgenommen, nie im Leben wie ein alter Sack daherzureden. Wenn man dann einer wird, merkt man, daß alles andere affektiertes Geschwätz wäre. Im vergehenden Jahr sind auffällig viele Musiker gestorben, was die lebenden schmerzlich berührt hat. Auch mich. Unter den Toten sind Berühmtheiten, die in den Nachrichten gewürdigt wurden wie George Martin und George Michael, und andere wie der Ausnahmegeiger Dave Swarbrick (Fairport Convention), von deren Ableben ich nur zufällig erfahren habe. Warum hat mich das so getroffen? Ich glaube nicht, daß es daran liegt, daß „die Einschläge immer näher kommen“, wenn man alt wird. Ich habe keine Angst. Wir alle wissen, was auf jeden von uns wartet, aber damit läßt sich leben. Wir verdrängen das Ende einfach, und ich bin ein besonders guter Verdränger. Ich glaube: wenn uns beim Tode eines Künstlers die Tränen kommen, dann deshalb, weil er zu den Fixpunkten in unserem persönlichen Universum gehört hat, zu den verläßlich guten Dingen in unserem Leben, zu den Felsen, den fernen Leuchtzeichen, die immer da sind, ohne daß man den Blick noch darauf richten müßte. Wenn eines erlischt, geht ein Stück unserer Welt kaputt.

Zwei Musiker sind gestorben, die ich kannte. Da tat die Nachricht besonders weh, obwohl ich beide lange Zeit nicht gesehen hatte.

Der eine, der wunderbare Gitarrist Paul Vincent Gunia, hat mich vor einigen Jahren überredet, noch einmal ein Album zu veröffentlichen. „Wer soll das kaufen?“, habe ich kopfschüttelnd gefragt. „Ist doch egal“, sagte er, „du hast die Songs, ich habe ein Label. Laß es uns einfach machen – dafür sind wir da.“ Ich bin froh, daß wir es gemacht haben. Wir waren fast gleich alt, Paul war nur vier Wochen jünger als ich.

Der andere, Knut Kiesewetter, ist 75 Jahre alt geworden. Er hat in den siebziger Jahren mein erstes Album produziert und war damals ein guter Freund für mich. Er brachte mich bei der RCA unter, und als der Vertrag unter Dach und Fach war, wurde auf dem Fresenhof ein junger Baum gepflanzt. Vom Musikgeschäft hielt Knut nicht viel: „Der Produzent ist immer das erste Opfer.“ Er behielt recht; es zog mich bald nach Berlin, und ich ließ ihn im Stich. Jahre später habe ich ihn gebeten, mir zu verzeihen. Er hat es getan. Danke, Knut.

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