Gebrannte Mandeln

In den siebziger Jahren waren Benimmregeln und Konventionen das letzte, worauf man als junger Mensch Wert legte. Wenn meine Eltern kopfschüttelnd bemerkten, zu ihrer Zeit sei es gesitteter zugegangen, da habe man noch Anstand und Höflichkeit gekannt, antwortete ich: „Ja – den Knigge habt ihr gekannt. Dafür kennen wir heute den Reisepaß; wenn wir nach Paris wollen, kaufen wir uns eine Fahrkarte. Ihr seid da mit euerm Knigge reinmarschiert und habt den Leuten Löcher in den Kopf geschossen!“ Ich hatte für meinen Geschmack schon genug Erziehung genossen. Geradesitzen, Mund zu beim Kauen, Fisch niemals mit dem Messer, „bitte nach Ihnen“, der Herr immer links der Dame und so weiter. Sie können sich vorstellen, was da los war, als die Achtundsechziger kamen! Da war der bürgerliche Krampf gestorben. In den Siebzigern waren wir dermaßen rebellisch, da griffen wir zum Messer. Und schnitten den Fisch damit. Und die Kartoffeln. Rigoros. Wir hätten uns eher die Kugel gegeben als einen Anzug anzuziehen oder gar einen Schlips. Ernste Feiern gab es sowieso keine; das Abiturzeugnis kam per Post, und die Examenspapiere holte man sich irgendwann im Sekretariat ab.

Heute feiert die Jugend wieder rauschende Abibälle in Abendanzügen und Abendkleidern wie zu Urgroßvaters Zeiten und wirft nach jeder bestandenen Zwischenprüfung Doktorhüte in die Luft. Klar, daß auch der Knigge wieder ernstgenommen wird. Falls Sie also heute abend ein festliches Silvesteressen vorhaben, sollten Sie zuvor Ihre Manieren aufpolieren. Verlassen Sie sich nicht allzusehr auf das, was Sie als Kind gelernt haben; es hat sich einiges geändert.

Beim Eintritt ins Restaurant hieß es früher: der Herr geht voraus und geleitet die Dame zum Tisch. Heute läßt er der Dame den Vortritt, um ihr das Selfie nicht zu verderben. Wenn Sie noch wissen, wie man einer Dame aus dem Mantel hilft, sollten Sie sicherstellen, daß auch sie das noch weiß. Es gibt Damen – wenn Sie denen den Mantel abnehmen wollen, brauchen Sie einen schwarzen Karategürtel. Im Zweifel warten Sie lieber, bis sie sich allein aus ihrem Täschchen-Rucksäckchen-Schirmchen-Jäckchen rausgewurstelt hat. Wahrscheinlich sind Sie aber sowieso im falschen Restaurant. Welcher Mann weiß schon genau, ob er eine Vegetarierin, Veganerin oder Rohköstlerin ausführt! Und selbst wenn – wer kann schon zwischen ovo-lactisch und lacto-vegetarisch unterscheiden? Und was heißt Rohkost? Heißt das jetzt Gemüse, oder muß das Schnitzel roh sein? Vom traditionellen Knigge ganz zu schweigen. Dessen größtes Rätsel ist für mich das Pusteverbot. Gerade erst nachgelesen: „Eine Unsitte ist es, die Suppe durch Pusten abzukühlen; gleiches gilt für das Schlürfen. Beides ist unbedingt zu unterlassen.“ Lautes Schlürfen kann unappetitlich sein, das sehe ich ein, aber warum nicht pusten?! Schön, wenn die Suppe kochend heiß war und nachher fragt einer, was für eine Vorspeise Sie hatten, können Sie immer sagen „gebrannte Mandeln“.

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