Mein Beifahrer, der Gutmensch

Seit AfD & Co. das Wort Gutmensch entdeckt haben und in beleidigender Absicht verwenden, sucht die Gegenseite es umzudeuten und wie ein Bundesverdienstkreuz am Revers zu tragen, als wolle sie damit Flagge zeigen, so wie es die Juden seit der Gründung des Staates Israel erhobenen Hauptes mit dem Davidstern tun.

Es ist schließlich nichts falsch daran, Jude zu sein. Am Gutmenschen hingegen ist so einiges auszusetzen. Er ist nämlich nicht etwa ein guter Mensch, sondern ein Besserwisser, ein Pharisäer, der anderen von hoher moralischer Warte herab Vorschriften macht und die eigenen Augen vor bestimmten Problemen verschließt. So hat man das Wort Gutmensch zumindest während der letzten Jahrzehnte verstanden.

In seiner harmlosen Variante tritt der Gutmensch auf wie meine alte Tante Gustel. Wenn ich die mit dem Auto heimfuhr und links blinkend auf die linke Spur gewechselt war, rief sie stets in dem Moment, in dem ich links in ihre Straße einbog: „Hier links.“ Genau so sitzt der Gutmensch seit Jahren ungebeten auf meinem Beifahrersitz und macht mir Vorhaltungen, um mich an Verfehlungen zu hindern und andere auf diese Weise vor mir zu schützen. Ich soll lernen, daß man Fußgänger nicht umnieten, Minderheiten nicht diskriminieren, Kinder nicht verprügeln und Frauen nicht vergewaltigen darf. Dabei ist dem Gutmenschen nicht bewußt, daß er mir mit jeder überflüssigen Belehrung unterstellt, ich sei ein unterweisungsbedürftiger Schwachkopf. Na schön, sagt man sich, laß ihn, er ist halt ein Schwachkopf.

Es gibt ihn aber leider auch in weniger harmloser Form. In der fühlt er sich bemüßigt, mir ins Lenkrad zu fallen und die Handbremse anzuziehen. Was sind Eingriffe in meine wohlüberlegte Wortwahl anderes? Zwar bestreiten Gutmenschen vehement, daß sie Verbote aussprächen und Alternativen vorschrieben, doch zugleich tun sie genau das. Längst haben sie das Deutsche bis in die offizielle Behördensprache, ja, bis in die Straßenverkehrsordnung hinein verändert (und damit nicht leserlicher gemacht), sie haben Kinderbücher zensiert, sie haben dafür gesorgt, daß keiner der heiligen drei Könige mehr schwarz geschminkt aufzutreten wagt, sie haben „Studierende“, „Dozierende“ und männliche Professorinnen ebenso auf dem Kerbholz wie 190 Lehrstühle für Gender Studies, von denen bisher keiner durch die Gewinnung irgendwelcher wissenschaftlichen Erkenntnisse aufgefallen ist; derweil haben politisch korrekte Journalisten unzählige Berichte über durchweg freundliche Flüchtlinge veröffentlicht, in deren Reihen sich ganz sicher kein Terrorist unkontrolliert ins Land geschmuggelt habe.

All das ist vielleicht nicht weltbewegend wichtig. Deutschland, erklärt Grünenchef Hofreiter, finanziere insgesamt 45000 Lehrstühle. Da fielen die paar Gender-Professuren doch gar nicht ins Gewicht: „190 zu 45000, ey, mein Gott, da könnt mer sich über andre Dinge aufregen.“ Auch über Veggie-Diskussionen, Ampelmännchen-Dispute, Unisex-Toiletten-Debatten etc. müßte man sich gewiß nicht aufregen – wäre am penetranten Gutmenschenunfug nicht eines gefährlich: daß er nämlich jedes Vertrauen des Volkes in die Intelligenz seiner geistigen Schickeria zerstört. Noch gefährlicher ist die schwere Störung des Vertrauens in die Medien, die viele Mißstände nachweislich verschwiegen und beschönigt haben.

Genau das bringt die Leute nämlich dazu, sich andere Beifahrer zu suchen.

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