Flugblätter

Simone Schmollak, Propagandistin für Genderpidgin und Ressortleiterin bei der taz, schreibt gestern: „Im Stile eines Thomas Mann verfasst heute kaum noch ein:e Au­to­r:in ihre Texte.“ Das soll, haltet mich fest, ein Argument fürs Gendern sein und zeigt einen so gruseligen Mangel an ästhetischem Grundverständnis, daß man der Dame einen Blindenhund schenken möchte.

Während meines Kunststudiums hatte ich zwei Kommilitonen, die sich dem gesellschaftlichen Wandel verpflichtet fühlten und die altehrwürdige Druckpresse der Lithographieklasse benutzten, um Flugblätter darauf herzustellen, simple Demonstrationsaufrufe, die meist mit der optimistischen Aufforderung „kommt massenhaft“ endeten. Das Arsenal künstlerischer Möglichkeiten, das die Hochschule bereithielt, und das Vorbild großer Meister verachteten sie als bürgerlich und überholt. 

Ich selbst nutzte unbekümmert die schönen, lichten Ateliers zum Zeichnen, Malen und Modellieren, die Holzwerkstatt mit ihren Präzisionswerkzeugen für die Arbeit an Skulpturen, entwarf Glasobjekte und hätte am liebsten auch noch die Klassen für Keramik, Metall, Schrift und Film besucht. Ein ähnliches Eldorado ist für mich die Sprache. Welch ein Genuß, die verständlichste Formulierung eines Gedankens zu finden, ein treffendes Bild zu zeichnen, klare Sätze zu bauen, mühelos wirkende Reime, authentische Dialoge! Nichts ist unmöglich, Gedichte, Erzählungen, Bühnenstücke, Sketche, Romane – Grenzen setzt nur der Verstand, und unübertreffliche Vorbilder gibt es in rauhen Mengen.

Deshalb sind künstliche Grenzen, wie sie die „geschlechtergerechte Sprache“ zu ziehen sucht, so widerwärtig. Man muß schon furchtbar engstirnig sein, um ein Werkzeug wie das generische Maskulinum zu verbieten und an die Stelle des Amputats Prothesen zu setzen, die jedermann in den Schritt deuten und jeden Text zum Flugblatt stempeln.

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